Aiwanger hat alles im Griff

Ja servus! So einen Auflauf hat Gnodstadt, hat die Hausbrauerei Düll zum 'Tag des Bieres' noch nie erlebt: Am Freitag, schon lange vor 19 Uhr, waren alle Plätze in der festlich geschmückten Brauhalle besetzt, ständig wurden weitere Bänke herbeigeschafft. Und das alles für Hubert Aiwanger, den ersten Nicht-CSUler, der seit Anbeginn des Festes 1998 ans Rednerpult durfte.

'Selbst wenn alle Schwarzen hier raus wären, wäre es immer noch voll', scherzte der Chef der Freien Wähler bei seiner ersten Maß Festbier und empfahl Sebastian Rank einen Anbau. Der Brauerei-Seniorchef war anfangs sichtlich angespannt, später jedoch völlig losgelöst ob des Trubels. 'Wenn ich so in die Gsichter schau, ist heute alles a bisserl anders. Und auch wenn die CSU seit der Landtagswahl wieder 'alleinerziehend' in Bayern tätig ist muss sich erst noch zeigen, ob sie näher am Menschen ist', stichelte Rank zur Begrüßung.

Der Haudegen wäre nicht er selber, wenn er dem Festredner nicht auch eine übergebraten hätte. 'Dass Herr Aiwanger das G-9 wieder haben will, ist ein Irrweg. Richtig wäre, beim G-8 den Lehrplan zu entrümpeln.' Rumms, zum Diplomat taugt der Mann halt nicht, der gleich noch sein Horrorszenario darstellte: 'Zum Schäufele ein Wasser, da läuft doch was grundlegend schief. Dabei weiß doch jeder: Bier ist das gesündeste Getränk, das schmackhafteste Gericht – und die wirkungsvollste Arznei.'

Seinen Bürgermeister – ein CSUler übrigens – muss er davon nicht überzeugen: Erich Hegwein ließ sich an seinem 60. Geburtstag das Festbier schmecken, war bestens gelaunt. 'Du hast dir viele Gäste gewünscht, alle sind gekommen. Heute sind wir der Bierlandkreis', gratulierte Landrätin Tamara Bischof.

'Überrascht' sei sie gewesen von Ranks Anfrage für Aiwanger als Festredner. Ein Handyanruf später sei die Sache geritzt gewesen – ohne Vertrag. 'Hubert, blamier mich jetzt nicht', gab Bischof ihrem Parteichef mit auf den Weg. 'Es heißt ja, dass du mit den Franken fremdelst, jetzt kannst du das Gegenteil beweisen. Hau auf die Klötze, wenn die Leute einschlafen, darf nie mehr ein Freier Wähler ran.'

Die Gefahr bestand keine Sekunde: Aiwanger, helles Hemd, Krawatte, arbeitete sich 52 Minuten auf mit seiner sonoren Stimme im schönstem niederbayerischen Dialekt, war patschnass, wurde immer wieder von Applaus unterbrochen.

Besonders witzig: Einer der Rodheimer Musikanten, offenbar ein Vater, rief laut Bravo und klatschte, als Aiwanger für neun Jahre Gymnasium plädierte. 'Das G-8 muss weg. Ich will nicht, dass für Jugendliche die Schulzeit nur aus Lernen besteht, sie mit siebzehneinhalb Abitur machen, aber die Sonne noch nie gesehen haben.' Feuerwehr, Schützen, Sportverein, all dies komme zu kurz, gute Unterrichts-Qualität brauche eben Zeit. 'Dabei haben manche von denen, die das G-8 eingeführt haben, schon fürs G-9 zehn Jahre gebraucht.'

Dann holt Aiwanger zum Rundumschlag aus gegen Konzerne, Lobbyisten sowie Politiker in Brüssel, Berlin und München, die sich erst Wahlen finanzieren ließen und dann als Gegenleistung widersinnige Gesetze beschließen würden, etwa bei der Gentechnik. 'Bier mit genveränderter Gerste sollen die bei der EU selber saufen.' Trinkwasser dürfe nicht privatisiert werden, Fleisch-Billigimporte per Freihandelsabkommen mit den USA müssen verhindert werden. 'So was würde ich meinem Hund nicht zu fressen geben.'

Neoliberale Geschäftemacher kassieren ab bei Energie, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen – und wo nichts zu holen ist, überlässt man die Arbeit den Kommunen. 'Gebt den Bürgermeistern wieder mehr Geld', ruft Aiwanger in den Saal, ist in Fahrt. 'Wir haben kein Geld für Hebammen, für Pflegekräfte, für kaputte Straßen. Und weil ein Hausarzt bei uns zum Studium Notenschnitt 1,0 braucht, müssen wir die fehlenden Ärzte aus Rumänien und Ungarn holen. Dabei bräuchten die ihre Leute selber, wir nehmen sie ihnen weg.'

Zwischendrin wird es manchen zu lang, es gibt Unruhe. Aiwanger redet und redet, statt einfach mal den Bierkrug zu erheben. Doch als er sich über die CSU lustig macht, wird gejubelt. Volksbefragungen ohne Bindungswirkung, sagt er, das könne nur machen, wer ein schlechtes Gewissen, wer Angst vorm Bürger hat. Am Ende tosender Applaus, ja Ovationen. 'Da war so mancher Vorredner eine Schlaftablette dagegen', findet Sebastian Rank, was es nicht unbedingt einfacher machen dürfte, mit der CSU wieder ins Reine zu kommen.

Eine neue Freundin hat Aiwanger in Gnodstadt gefunden – Ranks Enkelin Antonia. Sie hatte an diesen Herrn, der so komisch spricht, eine pfiffige Frage: 'Kommst Du echt aus Deutschland? Oder aus Österreich?' Eine hübsche Anekdote, die Aiwanger zu Beginn seiner Rede zum Besten gab. Und der Tipp war ja gut: Sein Wohnort in Niederbayern, der Rottenburger Ortsteil Rahsdorf, ist tatsächlich nur gut 100 Kilometer von der Alpenrepublik entfernt.

Er habe sich mit einer Rechenaufgabe revanchiert, so Aiwanger: 'Antonia, wie viele Tauben sind noch auf dem Dach, wenn jemand eine von zehn herunterschießt?' Neun habe sich richtig gerechnet, falsch wars aber trotzdem, weil die anderen natürlich wegfliegen. 'Siehst du, sogar bei Bierfesten kann man was lernen', hat Aiwanger der Drittklässlerin gesagt. So wie sie strahlte, als sie ihm den Fresskorb zum Abschied überbrachte, fände Antonia so einen Mathelehrer lustig – Akzent hin oder her!
Quelle: Mainpost, 04.05.2014